Einblicke in den Schulalltag

December 16, 2019

Beobachtungen und Überlegungen eines Lernbegleiters

 

Seit diesem Sommer habe ich meine Anstellung als Lehrer mit einer Anstellung als Lernbegleiter an der Unico-Schule eingetauscht. Und was ich vorwegnehmen kann: Ich habe zuvor noch nie in einem solch lebendigen, kreativen und dynamischen Schulumfeld zu tun gehabt.

 

In diesem Blogbeitrag möchte ich listenartig einige Beobachtungen und Überlegungen, die ich im Verlauf des letzten halben Jahres gemacht habe, festhalten. Im ersten Teil geht es um Eindrücke aus dem Schulalltag, im zweiten Teil um pädagogisch-didaktische Dinge.

 

 

Alltagseindrücke

 

Es gibt viele Gruppenaktivitäten mit immer wieder neu zusammengewürfelten Konstellationen: Da wird für die Mitschüler ein Theater vorbereitet, eine Zirkus-Show auf die Beine gestellt, eine Schatzsuche organisiert, ein Film gedreht, ein Fingerpuppen-Stück als Appetizer vor dem Mittagessen eingeübt…

 

 

Kochen ist eine sehr beliebte Aktivität, vor allem, wenn man dann mit den anderen Kindern oder der eigenen Familie teilen kann. Die Kinder kochen mittlerweile auch selbständig, das heisst ohne direkte Anweisung von uns Erwachsenen (die Erwachsenen helfen beim Zutaten suchen und dem «heiklen» Teil des «in den Ofen Schiebens» oder «Wasserkochens»). Beliebt sind z.B. Brot, Chüechli, Salat, Güetzli und Buechstäblisuppe.

 

Gesellschaftsspiele werden sehr geschätzt. Die Altersbeschränkung kann meistens ignoriert werden. Die jüngeren Kinder spielen dann nicht auf demselben strategischen Level wie die Älteren, aber das scheint niemanden allzu sehr zu stören…

 

Auch die Verkleidungen werden rege gebraucht – es gibt Kinder, die fast den ganzen Tag in einem Kostüm verbringen, auch wenn sie nicht mehr mit einem Rollenspiel beschäftigt sind. Spannend: Auch wenn ein Junge als Prinzessin oder mit Schmuck rumläuft, stören sich die anderen Kinder nicht daran. Ich habe noch nie einen «fiesen» Kommentar dazu aufschnappen können.

 

Wir haben im Zieglerareal ein supertolles Umfeld. Die Leute waren bisher sehr offen gegenüber den Kindern und unserer Schule und wir haben immer wieder spannende Begegnungen und sogar Aktivitäten für die Kinder, die andere Erwachsene anleiten (z.B. Führung vom Hauptverantwortlichen Facility Manager durch das Ziegler-Areal inkl. riesigen Heizungsräumen, Dachterrasse, Untergrundspital und Laubbläser-Ausprobieren am Ende – Merci nochmals dafür!)

 

 

Altersmischung: Oh ja, haben wir. Die Jüngeren kleben teilweise förmlich an den Älteren und diese wissen die zusätzliche Aufmerksamkeit (meistens) sehr zu schätzen. Allgemein bin ich immer wieder erstaunt, welche Kinder plötzlich für ein Spiel zusammenfinden – auch solche, wo ich es aufgrund der bisherigen Interessen und des Charakters nie erwartet hätte.

 

Wie ich es auch von anderen freien Schulen gehört habe, gibt es bei uns immer wieder «Moden». Also Themen, Aktivitäten und Interessen, die für einige Tage / Wochen bei vielen Kindern zugleich aktuell sind. Bisher hatten wir z.B.: Insekten, Kochen, Lesen, Werwölfle, Schatzsuchen, Akrobatik, Feuer machen…

 

Die Kinder kommen mit ersten individuellen Interessen zu uns. Aktuelle Wünsche sind z.B.: Feuer-Experimente machen und ein Tier sezieren

 

 

Pädagogisch / Didaktische Überlegungen

 

Der Alltag ist geprägt von «Energiewellen»: Während ein bis zwei Stunden sind alle Kinder in ein Spiel oder eine Aktivität versunken, auf einmal kommt «Aufbruchstimmung» auf, die Gruppen würfeln sich neu zusammen und die Kinder suchen sich eine neue Beschäftigung. Wir suchen noch nach geeigneten Methoden und Rahmenbedingungen, damit so eine «Aufbruchstimmung» einiger Kinder nicht die Anderen aus ihrem Spiel oder ihrer Aktivität reisst.

 

Das Lernen schulischer Inhalte findet im Vergleich zur Volksschule viel «fragmentierter» und alltagsnäher statt. Beim Thema Lesen und Schreiben zum Beispiel: ein Kind kommt und fragt, ob ich ihm einen Brief mit Grossbuchstaben schreiben kann / ein Kind will ein Plakat schreiben für das aktuelle Polizei-Rollenspiel und fragt, ob ich vorschreiben kann / ein Kind ist am Lesen und erkundet sich nach der Aussprache eines bestimmten Buchstaben / wir haben ein Schnipp-Schnapp gebastelt und nun möchte ein Kind Tiernamen reinschreiben, welche ich ihm vorschreibe / ein Kind hilft einem jüngeren beim Lesen in einem Buch / die Zutaten für ein Rezept werden gemeinsam entziffert…

 

Die Kinder haben sich bisher auch an klassischen «Lehrerinputs» sehr interessiert gezeigt. Ich habe teilweise genau die gleichen Materialien und Powerpointpräsentationen verwendet wie zuvor in der Volksschule. Meine Beobachtung ist dabei, dass die Aufmerksamkeitsspanne für Inputs ohne oder mit wenig eigener Aktivität bei den meisten etwa dreissig Minuten anhält, dann muss was Anderes kommen.

 

An den Mathe-Inputs, wo wir wirklich klassisch mit Montessori-Rechenstäben Aufgaben gelöst haben (und nicht ein Spiel wie z.B. Lotto oder Mikado mit Stäben zusammenzählen etc. gemacht haben), waren bisher nur 2-3 Kinder dabei. Lustigerweise sind dann aber andere als «Beobachter» von aussen dazugekommen.

 

An den soziokratischen Schulversammlungen haben bisher jeweils etwa die Hälfte der Kinder teilgenommen. Eigene Vorschläge zu Regeln, Materialanschaffungen, Aktivitäten, Raumgestaltung etc. sind von den Kindern bisher aber kaum welche gekommen. Oft haben wir Lernbegleiter ein bis zwei Themen vorgegeben (z.B. Thema «Aufräumen» / Thema «Ruhezeit» / Thema «Mitspielen lassen / Andere nicht stören») und dann in der Schulversammlung mit den anwesenden Kindern Lösungsvorschläge dazu diskutiert und verabschiedet. 

 

Bei Konflikten (jemand will mitspielen, die Anderen möchten aber «für sich» sein / zwei wollen dasselbe Spielzeug / das Spiel eines Kindes stört das Spiel eines Anderen / ein jüngeres Kind «klebt» an einem Älteren und dem wird das langsam zu viel…) stelle ich meist folgenden Fragen an beide «Konfliktparteien»: Was ist passiert? Was möchtest du nun? Kannst du dem anderen Kind «geben», was es möchte? Ist für dich damit der Konflikt geklärt? 

Aus Zeitgründen ist es aber nicht immer möglich, sich für die benötigten 10 Minuten für so ein Gespräch mit beiden «Konfliktparteien» zurückzuziehen. Manchmal «verkürze» ich das Ganze deswegen auch mit einem konkreten Lösungsvorschlag von mir oder indem ich sage, «das machen wir hier so und wenn du es anders möchtest, schlag es in der Schulversammlung vor» (bei einfachen Themen wie «ein anderes Kind im Frust schubsen» oder einem Kind die Finken verstecken).

 

 

Mit diesem Punkt möchte ich meinen Blogeintrag abschliessen. Nun ist doch ein schönes Stück Text zusammengekommen. Ich bin persönlich sehr gespannt darauf, wie sich die wesentlichen Themen und Beobachtungen, die mich als Lernbegleiter beschäftigen, entwickeln werden. Es ist auf alle Fälle eine wunderschöne, spannende Schule, die wir da auf die Beine gestellt haben. Und ich staune immer wieder über das Engagement und den Goodwill von all den Menschen im Unico-Umfeld, die das Ganze überhaupt möglich machen. Ein grosses Danke an euch alle – ohne euch könnte ich kein Lernbegleiter sein!

 

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