Ein erwachsenes Kind in der Unico

Bericht einer Lernbegleiterin


Seit Herbst 2019 bin ich mit und in der Unico unterwegs. Eine Reise, die wie jede Reise weder einfach, noch geradlinig verläuft. Und doch möchte ich, dass sie nie zu Ende geht. Wie ich diese Reise erlebe und wie sie mich tagtäglich inspiriert, möchte ich in diesem Beitrag erzählen.



Die Unico ist für mich ein Ort der intrinsischen Motivation, also der inneren, aus sich selbst entstehenden Motivation eines Menschen. Mit diesem Begriff habe ich mich befasst als ich mit 15 Jahren André Stern begegnet bin. André Stern ist Musiker, Komponist, Gitarrenbaumeister, Freibildungsexperte, Journalist und Autor, unter anderem des Buches "…und ich war nie in der Schule". Zuerst habe ich seine Bücher gelesen. Danach besuchte ich seine Vorträge und schlussendlich lernte ich ihn persönlich kennen in Paris. Von da an wusste ich, so simpel wie es klingen mag: Lernen ist Spielen - Spielen ist Lernen.


Mit der Unico habe ich mit 20 Jahren einen Ort gefunden, wo genau dies gelebt wird.


Ein Aufatmen für mich. Nicht nur, weil ich selber in der Staatsschule vorwiegend die negativen Teile miterlebt habe, sondern auch, weil ich mir die Frage stellen musste: «Welches Studium, welchen Weg gehe ich fortan?» Es wurde mir öfters subtil suggeriert und insbesondere ich habe mir dies selbst eingeredet: «Um in dieser Gesellschaft einen Wert zu haben brauchst du einen anerkannten Abschluss».


In der Unico war dies anders. Nach meinem fast einjährigen Praktikum an der Unico konnte ich als Lernbegleiterin einsteigen, ohne eine zusätzliche Ausbildung machen zu müssen. Diese Chance ist einmalig. Auch wenn ich mein Studium für Erziehungswissenschaften mittlerweile an den Nagel gehängt habe, weiss ich, dass meine Leistung geschätzt wird und nicht primär von meinen Abschlüssen abhängig gemacht wird. Diese Tatsache stärkt mich in meiner Haltung: Du bist gut, so wie du bist. Wir wollen dich nicht verändern, sondern mit all dem arbeiten, was du mitbringst. Du wirst gesehen. Diese Haltung ist heilsam für mein inneres Kind.


Es ist eine Freude, im Schulalltag diese Botschaft an die Unico-Kinder weitergeben zu dürfen. Dies gelingt mir manchmal gut, manchmal nicht. Wir pflegen unsere Glaubenssätze, welche durch Normen und Werte unserer Sozialisation geprägt sind. Im Schulalltag, sowie an unseren Sitzungen findet eine Reflexion dieser Glaubenssätze statt und dies hat auch eine Wirkung auf unsere Biographie. Wir entwickeln uns ständig weiter.


Auch wir Erwachsenen dürfen unserer intrinsischen Motivation folgen und dann, wenn wir sie leben und danach handeln, sind die Kinder am meisten motiviert, mitzugestalten. Sie lernen am Modell. Der Inhalt ist in diesem Moment zweitrangig. Egal ob es sich um einen "schulischen Inhalt" oder um ein Rollenspiel handelt. Wir lernen, wenn wir begeistert sind. Diese Erkenntnis stammt natürlich nicht von mir, sie wurde geprägt von Menschen wie André Stern und den Neurobiologen und Autor Gerald Hüther, z.B. in seinem Buch "Rettet das Spiel".


Ich erlebe und erfahre diese Begeisterung im Schulalltag. Kinder beschenken uns reich, wenn wir ihnen mit unserer Offenheit begegnen. Sie spielen und laden uns ein, in ihre Welt einzutauchen. Eine Welt, in der es weniger Beurteilungen gibt als in der Erwachsenenwelt. Wichtig zu betonen ist, dass dieses "Spiel" auf ganz verschiedene Arten und Weisen verstanden und ausgeführt werden kann. Es handelt sich dabei nicht um eine klare Definition. Egal, ob es um den Magic spielenden Dänu, die nähende Carla oder die musizierende Simona geht: Sie teilen ihre Begeisterung und "stecken" damit andere an. Für einmal eine erfreuliche "Ansteckung".


Worin besteht für mich persönlich die Essenz im Schulalltag?


Im "Präsentsein". Wenn ich selbst präsent bin und mich für die aktuellen Bedürfnisse und Ideen der Kinder öffne, dann entsteht die Möglichkeit einer dritten Dimension, quasi einem Weg zwischen "zwei Gärten". Wenn ich hingegen in die Unico komme und beschäftigt bin mit meinem eigenen Garten und dessen Gedanken, fällt es mir schwer diesen Begegnungsort zu betreten. Deshalb versuche ich immer wieder erneut mich auf diese Begegnung einzulassen und für eine gewisse Zeit "meinen Garten" ruhen zu lassen.


Wo besteht also der Unterschied zwischen mir und einem Kind in der Unico?


Wir - die Kinder und ich - leben in der Unico in verschiedenen Rollen. Beide sind spielend, forschend und neugierig. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass wir Erwachsenen den Raum halten. Um die verschiedenen Facetten des Raumhaltens beschreiben zu können, müsste ich noch einmal ausholen.


Ich möchte jedoch den Kreis hier schliessen mit den Worten: Danke für die zahlreichen Inspirationen aller Erwachsenen, vielleicht erkennt der/die eine oder andere die eigenen Gedankenanstösse in diesem Text. Ich bedanke mich bei allen, die in diesem Projekt einen Funken entfacht haben, damit jetzt das grosse Feuer der Begeisterung lodern kann. Egal ob Kind, Jugendliche*r oder Erwachsene*r. Danke!



Text: Ursina Bieri


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